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Influenzapandemie – Eine aktuelle Gefahrenbeurteilung

Prof. Dr. med. Bernhard R. Ruf

Klinikum St. Georg Leipzig

In jedem der letzten Jahrhunderte traten nahezu regelmäßig drei Influenzapandemien auf. Diese Periodizität veranlasste die Weltgesundheitsorganisation, schon Ende des letzten Jahrhunderts auf die Gefahr einer neuen Influenzapandemie hinzuweisen, und mahnte die Erstellung von nationalen Plänen für eine Influenza-Pandemie an.

Das seuchenhafte Auftreten der Geflügelpest durch das aviäre Influenzavirus A/H5N1 hat das Risikobewusstsein für eine Influenza-Pandemie gesteigert. Zeitpunkt und Virustyp sind derzeit jedoch rein spekulativ. Das Influenzavirus A/H5N1 ist aktuell das „erfolgreichste“ aviäre Influenzavirus, das besonders in Asien, aber auch in Europa und Afrika epidemische Ausbrüche bei Haus- und Wildgeflügel auslöst. Seit seinem ersten Auftreten 1997 hat es seine Kontagiosität und Pathogenität von Ausbruch zu Ausbruch gesteigert und sich in mehrere Subtypen diversifiziert. Es handelt sich derzeit aber um eine reine Tierseuche mit ausnahmehafter Tier-zu-Mensch Übertragung. Letzteres ereignet sich nur bei unmittelbarer Exposition gegenüber der Infektionsquelle und hoher Erregerkonzentration. Kommt es zu humanen Infektionen erweist sich H5N1 als hochpathogen mit einer Letalität von bis zu 70%. Ob H5N1 zu einem Pandemievirus wird, hängt von weiteren Virusmutationen, die zu einer leichteren Übertragbarkeit auf den Menschen und von Mensch-zu-Mensch führen, ab. Ob es dazu kommt, ist derzeit völlig offen. Bisherige Pandemien wurden immer von Influenzaviren vom Subtyp H3, H2 und H1 ausgelöst. Der Subtyp H5 wurde noch nie, soweit bekannt, bei einer Pandemie isoliert. Prinzipiell kommen aber auch zahlreiche andere aviäre Influenzaviren in Betracht. Pandemische Influenzaviren können auf zwei Wegen entstehen, die sich hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf Morbidität und Mortalität erheblich unterscheiden. Bei einem direkten Speziesübersprung vom Geflügel auf den Menschen, was bisher nur für das Influenzavirus A/H1N1 der Influenza-Pandemie 1918/19 dokumentiert ist, ist die gesamte Weltbevölkerung Antikörper-naiv. Damit wäre mit Auswirkungen wie bei der Spanischen Grippe zu rechnen. Bei einem Pandemievirus, das aus einem Reassortment eines humanen und eines aviären Virus entsteht, ist die Weltbevölkerung teilimmun und die Folgen hinsichtlich Zahl der Erkrankungen und Todesfälle geringer (analog der Asiatischen Grippe 1957/58 und der Hongkong-Grippe 1968/69). Da keines dieser beiden Szenarien wahrscheinlicher ist als das andere, muss bei der Gefahrenbeurteilung und den sich daraus ableitenden Maßnahmen vom „worst case“ ausgegangen werden.

Mit einer pandemischen Influenza muss jederzeit gerechnet werden. Erfahrungen und Folgen früherer Influenza-Pandemien können nicht auf zukünftige Pandemien projiziert werden. Wirksamere Impfstoffe , antivirale Substanzen und die Effektivität von Pandemieplänen geben die Möglichkeit, die Auswirkungen einer Influenza-Pandemie hinsichtlich Morbidität, Mortalität und wirtschaftlicher Schäden eingrenzen.

 
beitraege/influenzapandemie_eine_aktuelle_gefahrenbeurteilung.txt · Zuletzt geändert: 2009/02/26 15:06 von ug1705
 
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